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Jörg Stingl

Spitzbergen

Es gibt Orte, an denen Zeit ihre Bedeutung verliert. Spitzbergen ist einer davon. Im Juni geht die
Sonne hier nicht mehr unter: 24 Stunden Licht, 24 Stunden Möglichkeiten. Die Temperaturen liegen knapp unter dem Gefrierpunkt, rau, aber berechenbar. Genau diese Mischung macht den Reiz aus. Eine Landschaft, die keine Kompromisse kennt, und Tage, die kein Ende haben.

Start mit Widrigkeiten
Die arktische Landschaft und ihre Isolation übten eine besondere Anziehung auf mich aus. Mein
ursprüngliches Ziel war der 1713 Meter hohe Newtontoppen, abgelegen im Nordosten der
Inselgruppe.
Allein, auf Ski, mit Pulka, reduziert auf ein Minimum. Eine Tour, wie ich sie bereits in anderen
extremen Regionen unternommen hatte. Doch die Arktis folgt eigenen Regeln. Mit jeder
Planungsphase wurde deutlicher: zu wenig Schnee, zu große Distanzen, zu hohe Kosten und vor
allem die ständige Präsenz des Eisbären. Der Plan war so nicht durchführbar.

Aufgeben war dennoch keine Option. Vor einigen Jahren war ich bereits im ewigen Eis unterwegs, damals auf 80° Süd. Warum also nicht 80° Nord? Allerdings gibt es dort kein Festland, sondern nur ausgedehnte Eisflächen, die im Juni teilweise aufbrechen. Um dieses Ziel zu erreichen, war ich auf ein Expeditionsschiff und seine Crew angewiesen.

80° Nord
Die Route führte von Longyearbyen aus rund um Spitzbergen und tief hinein in die Fjordlandschaften.
Berge, die aus der Ferne wie sanfte Hügel wirkten, forderten vor Ort jeden Schritt, jeder Höhenmeter begann direkt am Strand.
Ich erklomm mir unbekannte Höhenzüge, Berge und Hügel und erkundete mächtige Gletscher.
Ich beobachtete Walrosskolonien und die beeindruckenden Brutfelsen der arktischen Vogelwelt.
Immer wieder zeigte sich in sicherer Entfernung ein Eisbär – präsent, wachsam, Teil dieser
Landschaft. Auch Robben und Wale durchbrachen die Stille des Meeres.

Schließlich führte die Reise durch die Hinlopenstraße hinaus in den Arktischen Ozean, weiter
Richtung Nordpol. Das mächtige Meereis verdichtete sich zu unpassierbarem Packeis und schob dem Schiff bei über 81° Nord einen natürlichen Riegel vor. Damit war das, zugegeben angepasste, Expeditionsziel erreicht.


Auf dem Rückweg konnte ich mit dem Seekajak den Isfjorden befahren und einmal mehr die Ruhe
und Weite der arktischen Landschaft in mich aufnehmen, um am 25. Juni nach Oslo zurückzukehren.